Keynote Debakel – eine Analyse

Am Mittwoch war ich als Gastrednerin des 2.Kölner Moodle Tags eingeladen, den Einführungsvortrag zu halten. Thema der Konferenz war das LMS Moodle und mit der Organisation war abgesprochen, dass ich über Veränderungen in der Lernkultur spreche. Meine Präsentation hatte daher den Titel “Neue Besen braucht das Land”.

Eingestimmt wurde ich auf die Situation bereits bei der Anmeldung, wo ein netter Schüler  stöhnte “wer hat denn Moodle bloß erfunden”. Den jungen Mann klärte ich dann schnell auf und wollte natürlich wissen, warum er denn das LMS nicht so toll fand. Seine durchaus verständliche Aversion beruhte auf den Hausaufgaben, die dank der Forenfunktion abends um 9 noch in seiner Mailbox landeten. Leider konnte ich mit dem netten jungen Mann keine längere Diskussion mehr führen, seine Aversion kam mir aber sehr gelegen zum Einstieg in den Vortrag.

Ich kenne das nur zu gut als Moodlerin der ersten Stunde, dass man vor schierer Begeisterung über die vielen tollen Funktionen von Moodle – von der Möglichkeit, die Schüler jederzeit erreichen zu können bis zur schnellen Erstellung von Hot Potatoes für einen automatisierten Test am nächsten Tag und der Kontrolle, ob auch alle ihre Hausaufgaben hochgeladen haben, den Schülern diese Lernplattform vermiest, weil sie zu Recht merken, dass der Lehrer noch mehr Kontrolle über alle und alles hat. Ich habe also auch Lehrgeld gezahlt und den Schülern, die ja durchaus positiv eingestellt waren, das Lernen mit Moodle vermiest. Es bedurfte dann etlicher Gespräche und Kursänderungen (im Sinne von Richtungsänderung), um die Akzeptanz von Moodle wieder herzustellen. Da habe ich dann auch begriffen, dass es keine Lernfortschritte geben kann, wenn man Moodle nur einsetzt, um den “normalen” meist lehrerzentrierten Unterricht umzusetzen. Langsam haben wir dann unseren Kurs geändert, Verantwortung für das Erstellen von Inhalten an die Schüler übergeben, auch Auswahl und Vorschlag der Lernaktivitäten und (fast) keine Dokumente oder Arbeitsblätter mehr hochgeladen. Stattdessen wurden Seiten aus dem Internet, Videos, Mindmaps, Web 2.0 Anwendungen eingebunden und unser Kurs nahm eine dynamische Entwicklung an, an der die Schüler beteiligt waren. Dazu gehörte allerdings auch, dass sie mehr Freiräume erhielten, mehr Mitgestaltung am Lernprozess und auch Mitsprache an den Bewertungskriterien. Mit den neuen Freiheiten kamen aber auch neue Pflichten hinzu, insbesondere die Verantwortung für das eigene Lernen, die Zusammenarbeit in Projekten, die Pflicht zur Nutzung der Kommunikationsmöglichkeiten im Kursraum und auch die Übernahme von Aufgaben, die bisher der Lehrer hatte, wie z.b. das gemeinschaftliche Erstellen von Glossaren mit Fachbegriffen oder das Führen des Terminkalenders für die Klasse und die gegenseitige Unterstützung und Hilfe in den Foren. Zurücklehnen und ungestörtes Erwarten des Klingeltons war also nicht mehr möglich, und einige Schüler fanden das dann tatsächlich auch mal unkommod und protestierten. Ich hatte also auf meinem Weg mit Moodle auch durchaus viele negative Erfahrungen machen müssen/dürfen.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite war der Hindernis- und Hürdenlauf im täglichen Schulalltag beim Versuch, Unterricht anders zu gestalten. Der Kampf um einen Raum mit Internetzugang und PCs- WLAN gabs zwar, aber nur für die Admins, die Schüler hatten teilweise ihre Smartphones mit Internetzugang dabei. Andere Probleme gab es beim Versuch, fächerübergreifend ein Thema wie z.b. “Wasser” zu behandlen. Der Chemielehrer hatte das in diesem Schuljahr nicht im Curriculum, der Religionslehrer nur einen Teil der Klasse, der Gemeinschaftskundelehrer hatte eh noch zuviel Stoff zu behandlen, der Deutschlehrer sah keinen Anknüpfungspunkt – und dann waren wir wieder allein. Ich muss allerdings auch sagen, dass in Bereichen, wo sich eine Zusammenarbeit mit Kollegen/Fächern ergeben hatte, dies zu mehr Engagement und besseren Resultaten bei den Schülern führte.

Mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass eine ziemlich radikale Änderung der Lehr- und Lernkultur erforderlich ist, um Schule und Realität deckungsgleich zu bekommen. Dass man das als Einzelkämpfer nicht schaffen kann, war mir völlig klar und ich begann, mein Netzwerk an Gleichgesinnten aufzubauen und in diesem Netzwerk fand und findet immer noch – Austausch über Methoden, Probleme, Werkzeuge und vieles mehr statt.

Auch ein Jahr nach dem Ausscheiden aus dem Schuldienst bin ich immer noch an allem, was bildungsmässig geschieht, interessiert und im Austausch in einem Netzwerk.

Ich will aber jetzt nicht weiter über gute und schlechte Erfahrungen bei der Arbeit mit digitalen Medien sprechen, sondern über den Vortrag in Köln.

Die Zielsetzung meines Vortrags war, die Zuhörer für die Notwendigkeit einer Veränderung in der Lernkultur zu sensibilisieren und aufzuzeigen, dass ein Moodlekurs allein noch keinen anderen Unterricht und anderes Lernen bewirkt. Ich war davon ausgegangen, dass hier allgemeiner Konsensus im Publikum bestand und sich bereits alle in irgendeiner Weise auf den Weg gemacht hatten oder machen wollten und wir gemeinsam überlegen, wo die Hindernisse liegen und wie wir Veränderung bewirken können. Bei den Hindernissen, die nicht nur in meiner Erfahrung oft bei der IT Administartion liegen, haben sich die anwesenden ITler dann gleich persönlich angegriffen gefühlt und sich empört zur Wehr gesetzt. Da war dann auch nicht mehr viel zu retten, als ich betonte, dass dies Erfahrungen aus meinem Umfeld und Fortbildungen sind. Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass hier von vielen gute Arbeit geleistet wird – es gibt auch entsprechend Ermässigungsstunden – (ich war auch mal Admin, allerdings nur für “meinen” PC Raum) , die in der Regel nicht ausreichen, wenn gute Arbei gemacht wird. Dennoch sehen die Prioritäten der Admins in der Regel anders aus als die der Lehrer und Schüler, die ein offeneres Lernen wollen, die eine Seite ist penibel auf alle Sicherheitsaspekte bedacht, die andere Seite dadurch in der Arbeit blockiert, oft unvereinbare Gegensätze, da die Admins meist am längeren Hebel bei der Schulleitung sitzen. Dies sind nicht nur meine Erfahrungen.

Nachdem ich also die Admins und ITler gegen mich aufgebracht hatte, war das Publikum erst recht skeptisch meinen Thesen  gegenüber und mein Vortrag verpuffte in Ablehnung – so habe ich das zumindest empfunden.

Eine Kollegin sagte mir anschliessend auch, dass die Zuhörer eine andere Erwartungshaltung hatten, sie wollten nämlich keine langen Vorträge sondern lieber mehr Zeit für die anschliessenden Workshops – sehr verständlich, aber dafür war ich nun nicht verantwortlich.

Zum anderen stellte sich heraus, dass viele KollegInnen sich erst auf den Weg mit Moodle gemacht hatten oder machen wollten und daher einen Vortrag über Moodle erwartet hatten und nicht über eine Veränderung in der Lernkultur.

Klassischer Fall von “falscher Vortrag für Zielgruppe”??? Ich hatte eine ähnliche Keynote aber schon mal gehalten bei einer lokalen MoodleMoot, und das war ein großer Erfolg. Was lief da also total daneben? Es wäre für mich viel einfacher gewesen, direkt in einem Moodlekurs zu zeigen, wie man Lernen und Eigenaktivität der Schüler fördern kann und wie man mit Web 2.0 Tools die Welt ins Klassenzimmer holen kann, aber das war bereits Thema eines Workshops und eine Keynote sollte doch eigentlich zum Nachdenken anregen, Diskussionen anschieben?

Ein Teilnehmer warf mir anschliessend auch vor, dass man Schulentwicklung so nicht betreiben könne, weil man nicht alle KollegInnen ins Boot bekommt. Ich kenne dieses Argument , bin jedoch der Meinung, dass dies eh unmöglich ist, weil es schwierig ist, alte Strukturen und Gewohnheiten und auch Aversionen zu ändern und das unter (sanftem) Zwang auch durch Schulentwicklung nicht zu bewerkstelligen ist. Vielleicht nach 10 Jahren, aber dann ist der Zug auch schon abgefahren. Es ist meiner Meinung nach effizienter, sich mit Gleichgesinnten zusammen zu tun und dann nach und nach Wellen zu schlagen und andere durch positive Ergebnisse mit ins Boot zu nehmen. Mit der Zeit entsteht ein kleines Netzwerk, auch schulübergreifend und es geschieht wirklich etwas. Es ist zehnmal besser, mit Leuten, die enthusiastisch dabei sind, zu rudern, als andere, die aus (guten Gründen) nicht ins Wasser wollen, zum Rudern zu überreden.

Auch wenn dies jetzt niemand von den in Köln anwesenden KollegInnen liest, schreibe ich es dennoch auf und bin gespannt, ob andere Blogger aus dem Bildungsbereich hier zu ihren Erfahrungen kommentieren können.

Es ist im übrigen für mich das erste Mal, dass ein Vortrag so ” daneben ging”.

Kurioserweise fand zeitgleich in Berlin die Online Educa #oeb11 statt mit der Keynote von Neelie Kroes , der Vizepräsidentin der EU Kommission , die für die Digital Agenda zuständig ist.
Ihr Vortrag kann hier gelesen und kommentiert werden und hier gibts das Video der Aufzeichnung.
Und hier noch als Nachklapp ein Artikel zum #speedlab2, das am nächsten Tag in Köln stattfand und zu großen Diskussionen führte – man beachte den Kommentar zum Artikel von Martin Lindner

 

3 Comments

  • Pingback: LMS und die Macht des Ringes

  • 5. Dezember 2011 - 00:37 | Permalink

    Liebe Siggie,

    ich kann dich gut verstehen. Als Einzelne Gleichgesinnte zu suchen und mit denen gemeinsam “best practices” zu entwickeln scheint mir allemal effektiver zu sein, als gegen Windmühlen anzukämpfen.

    Moodle ist ein tolles Werkzeug, mit dem kleinen Nachteil: es ist nur ein Werkzeug! Die Veränderung der Lernkultur ist viel wichtiger, die veränderten Lehrenden sind viel wichtiger!

    Die Frage, wie wir lernen lernen wollen, ist wichtig. Moodle ist dabei eine Hilfe, aber nicht die Antwort. A fool with a tool is already a fool …

    Kopf Hoch,
    Carsten

  • admin
    6. Dezember 2011 - 23:49 | Permalink

    Kurioserweise kamen auf der Speedlab2 Diskussion am nächsten Tag in Köln fast wörtlich und identisch meine Thesen zur Sprache- von berufener Seite! (Hör dir mal die Beiträge von Lisa Rosa und Martin Lindner dazu an!)
    Hier ist die Aufzeichnung:
    http://wissen.dradio.de/netz-reporter-xl-rettet-das-netz-die-bildung.126.de.html?dram:article_id=13851

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